Trekkingvorbereitung und Gay Parade

Sonntag.
Ich habe mir einen Wecker auf 9 gestellt. Um halb sechs wache ich auf. Bis 7 versuche ich es, dann gebe ich auf.
Ein Mitbewohner hat die ganze Nacht auch auf voller Lautstärke seinen Ventilator laufen lassen und der ist immer noch so laut.
Ich schnappe mir mein Tablet, setze mich in den Gemeinschaftsraum und schreibe meinen Blog.
Ich unterhalte mich mit einem Nepalesen, irgendwann kommt dann eine Deutsche dazu. Mega schön.
Ich bestelle mir Frühstück; das ist im Hostel Preis mit drinnen. Toast, Omelett und Grillgemüse. Sehr guuuut.
So verbringe ich meinen Morgen mit einer Mischung aus schreiben, unterhalten und essen.
Die Deutsche will später auch mit auf die Gay parade, die heute hier stattfindet und wo ich mit Nysa und so hinmöchte.
Cool – je größer die Gruppe, desto toller!
Und SO SO UNGLAUBLICH GEIL, dass hier in den eher traditionellen, asiatischen Ländern, die alle ziemlich hinterher sind, was Gleichberechtigung, Tolerant etc. angeht, auch endlich eine Verwandlung angestoßen wird!! Ich hab richtig Bock drauf, freu mich, ein Teil davon sein zu können und bin gespannt, wie die Reaktionen auf der Straße aussehen.

Um 10 Uhr treffe ich mich mit meinem Guide, um zu entscheiden, welchen Trek ich mache und den/die/das (keine Ahnung haha) Permit für den Trek zu organisieren.
Und ab hier, beginnt mein Gehirnmatsch.
Es gibt zwei Treks mit tollen Optionen und ich muss mich jetzt für einen entscheiden. Ihr kennt mich, Entscheidungen und ich sind die größten Feinde. Will niiiiicht :’))).
Auf der einen Seite haben wir den Annapurna Circuit (APC), den ich schon als Traum habe, seit ich hier von Leuten darüber gehört habe. Den mein Guide und einige Locals mir aber recht stark ausreden, weil die Regenzeit jetzt schon anfängt.
Auf der anderen Seite haben wir das Annapurna Basecamp (ABC), das aber weniger spektakulär – trotzdem natürlich wunderschön – ist, der recht ähnlich zu meinem letzten Trek ist, wo aber der Ausblick mit großer Wahrscheinlichkeit besser sein soll zu dieser Saison.
Vorhersehbar ist das natürlich sowieso alles nicht.
Das Geile am APC ist, dass der höchste Punkt 5416 Meter hoch ist – WIEEE KRANK GEIL. Und dass die Natur so stark variiert während des Treks. Außerdem ist es, wie der Name schon sagt, ein Rundweg, und daher läuft man jede Strecke nur einmal. Davon bin ich ein großer Fan.
Das ABC soll eben wegen des Wetters einen etwas besseren Blick haben, wird mir stark vom Guide empfohlen, ist aber der gleiche Weg hoch und runter; geht nur bis 4190m und ist ähnlich zu meinem letzten Trek.
Wie ihr hier schon an meinen enthusiastischen Argumenten merkt, bin ich entgegen vieler Empfehlungen stark für den APC. Nach ungelogen 1,5h diskutieren, überlegen, googlen, Optionen anschauen, entscheide ich mich für den Annapurna Circuit. Und ich weiß sofort, dass es richtig ist.
Am Ende meint sogar auch mein Guide, dass der APC besser für mich ist.
Er meint, hätte ich den vorherigen Trek nicht gemacht, wäre das ABC auch ziemlich cool, aber so treffe ich definitiv die richtige Entscheidung.
Mein Bauchgefühl hat diese letztendlich getroffen. Und die Realisation, dass ich vor der Entscheidung meinte, dass ich ja sonst auch nochmal zurück nach Nepal kommen kann, um dann den Circuit zu machen.
Beim ABC habe ich nicht so krass das Bedürfnis dazu.
Also fällt die Entscheidung trotz des Saisonendes auf den Circuit.
Normalerweise zweifele ich auch immer noch so sehr an meiner Entscheidung, wenn ich sie getroffen habe. Hier bin ich unglaublich happy und sicher, dass ich richtig entschieden habe.
Auch als ich hier gerade diesen Blog schreibe, weiß ich, dass das für mich die richtige Entscheidung ist.
Die Trekkingerfahrung besteht ja auch aus mehr als nur dem Ausblick.
Und der Circuit ist im Gegensatz zum ABC eine ganz neue Welt und ganz neue Herausforderung.
Ich bin so bereit, mich dieser zu stellen.

04.06.2023 WOOOOOAAAHHHHHHHHHH

Und ab dem Punkt der Entscheidung ballert das Adrenalin durch meine Adern und ich kann mich kaum noch halten.
Ich habe SO SO BOCK. Ich bin aufgeregt, überdreht, voller Vorfreude & Ungläubigkeit. Ich kann mich fast nicht halten.
Auf zum Permit Office – vorher machen wir noch Passbilder, die man dafür braucht, und HEYYY – ich lieb das Passbild mit den kurzen Haaren!!

04.06.2023 Jetzt gibt’s kein Zurück meeeehr ^^

Den Permit zu bekommen, ist eigentlich recht easy und es kostet 21€.
Ich find’s trotzdem ganz entspannt, dass ich Bisman an meiner Seite hab.
Wir kaufen anschließend noch einen Riesen-Regenponcho für den ganzen Körper und darüber freue ich mich wirklich totaaal, ich will den unbedingt benutzen.
Damit durch den Regen wandern – SO COOL!!
Er kostet knapp 2€.
Wir gehen nochmal alle Details durch, meine Packgegenstände und dann verabschieden wir uns für heute.
Ich tanze fast durch die Straßen – so sehr freue ich mich!
Ein Verkäufer spricht mich an und ich antworte total euphorisch. Wir unterhalten uns kurz energiegeladen und ich spüre mal wieder so stark wie nie, wie es andere Leute mitreißt, wenn man seine fröhliche Energie nach außen trägt.
Ich gehe kurz ins Hostel zurück und dann ist es auch schon Zeit fürs Mittagessen.
Ich lande in einem kleinen Restaurant Gärtchen in einer kleineren Gasse und liebe den Ort. Der Kellner kann echt gut englisch, also unterhalten wir uns eine Weile. Ich bestelle Curry mit Paneer. Und es schmeckt sehr gut.
Dazu einen frischen Mangolassi, die drei ??? und ich bin sehr happy.
Um 2 geht die Parade los, also muss ich danach langsam wieder zurück.
Zum Hostel, Sachen schnappen und auf ins Hostel der anderen. Dort machen wir uns erstmal noch Glitzer ins Gesicht. Ich lieeeebe ja Glitzer über alles.
Pink und blau zieren jetzt meine Schläfen.
Lotti – das deutsche Mädchen – stößt noch dazu und dann geht es auch schon los. Ein Typ aus Lettland hat eine Musikbox dabei – HELL YEAH.
Wir kaufen uns alle ein Bier und laufen mit Musik durch die Straßen. Hach, wie ich sowas vermisst habe.
Sich unterhalten, Musik hören und durch die Straßen steunern – das macht einfach so viel Spaß.
Wir brauchen eine Weile, bis wir den Startpunkt finden und es ist bisher echt eine kleine Gruppe.
Da spürt man jetzt schon den Unterschied zu Deutschland bzw. vielen europäischen Ländern.
Wie FETT da die Gay Parades sind; da ist ja gefühlt die ganze Stadt an Bord.
Hier sind es ein paar Wenige, aber ich habe einen riesigen Respekt vor jedem einzelnen.
Ein paar Mädels malen sich Regenbogenflaggen auf die Haut und ich frage, ob ich die Farbe auch benutzen darf, was sie freundlich bejahen.
Bei mir sinds die Fingernägel, die einen Regenbogen verpasst bekommen.
Und ich LIEBS.
Eine malt mir auch noch einen Regenbogen auf den Bauch und es ist perfekt.

04.06.2023 WIE ICH ES LIEBE!!
04.06.2023 So ästhetisch <33

Es gibt Musik, jeder ist gut drauf, jeder sagt immer wieder Happy pride und alle supporten sich gegenseitig.
Bald geht die Demo dann auch los.
Es gibt rieisige Regenbogenfahnen und jeder geht an eine Ecke. Es wird gejubelt, laut Musik gespielt und alle haben Bock.
Eine bunte Rauchbombe eröffnet das ganze und wir beginnen, durch die Straßen zu ziehen.

04.06.2023 LET’S FREAKING GO!!!!!

Es fühlt sich so toll an, ein Teil davon zu sein. Ich tanze, ich schreie, ich lache und bin einfach nur Happy.
Mal sind alle wie Ameisen unter der Flagge, mal wird sie an der Seite gehalten – aber die Message ist jedes Mal klar und deutlich.
Voraus geht ein riesiger bunter Ballonbogen.
Der Verkehr stockt, weil die Autos und Roller uns durchlassen müssen und ich liebe jedes einzelne lachende, unterstützende Gesicht und hasse jeden missbilligenden Blick und denk mir, komm in der Realität an MAN.
Es macht so viel Spaß, sich für etwas Wichtiges einsetzen zu können. YOU GO NEPAL!! <3
DIE Musik gefällt mir auch sehr gut und ich tanze durch die Straßen.
Die Hitze bringt jeden um, aber dennoch stehen alle stolz hier und halten durch. HELL YES.
Die Parade kommt zu einem Ende und es wird getanzt, eine kleine Rede gehalten und es gibt einen Fotoaufsteller, um Bilder zu machen und die Bewegung zu verbreiten.

04.06.2023 Geile Crew!!

Dann gibt es noch eine Performance und es macht echt Spaß, dabei zuzuschauen.
Hinter der Performance ist eine Art Steinerhöhung und dort steht eine riesige Gruppe alter Nepales:innen und schaut skeptisch und prüfend zu.
Alte und neue Generation treffen aufeinander und ich find’s hammergeil, dass die junge Generation der alten zeigt wie Integration aussieht.

Dann ist die eigentliche Parade auch schon beendet, aber es läuft noch lautstark Musik und ich tanze mir die Seele aus dem Körper. Es macht so viel Spaß, ich fühle mich so frei und jeder hat Bock.
Nysa und die anderen verabschieden sich wegen der Hitze schon; ich bleibe noch etwas, weil mir das Tanzen so unfassbar viel Spaß macht.
Ich tanze viel mit ein paar Indern, deren Vibe mir echt gut gefällt.
Meine Füße fliegen nur so über den Boden und ich merke, wie sehr ich das vermisst habe.
Dann kommt der Song “Calm Down”, zu dem ich auch mit den Amis und den Waisenkindern bei der Einweihung getanzt habe, und ich werde glücklich sentimental. Das fühlt sich ein bisschen so an wie ein Kreis, der sich jetzt schließt.
Man ist das heiß.
Mit dem einen Inder wechsele ich irgendwann in einen Paartanz über und unser Rhythmus ist wirklich nicht so opti – aber das ist auch ganz egal; es macht unglaublich viel Spaß. Einfach für einen Moment mit Fremden gemeinsam frei sein können. Das ist so unbezahlbar.

04.06.2023 Freiheit auf eine wundervolle Art :’))
04.06.2023 Was ein unglaublich süßer Mensch :’)

Niemanden interessiert es, wie du beim Tanzen aussiehst. Niemanden interessiert es, welches Geschlecht, welche sexuelle Orientierung oder was auch immer du hast. Jeder ist einfach nur glücklich, hier zu sein und zu tanzen. Ich liebe es.
Ein Cafe im Umkreis kooperiert mit der Organisation, die die Parade organisiert hat. Wenn man beide in einer Story verlinkt, bekommt man 50% Rabatt auf einen Bubble Tea.
Das wollen dieser Inder und ich ausnutzen, aber wir finden leider nicht das richtige Café. Och Mensch. Also trinken wir einen Bubble Tea ohne Prozente – auch lecker.
Wir unterhalten uns eine Weile, bis sich unsere Wege wieder trennen
Ich setze mich an den See, höre ein Hörspiel und häkele das Top weiter.
Meine Füße lasse ich im Wasser baumeln.
Das Top ist fertig, ich probiere es an und es passt.
Es kann doch nicht sein, dass diese Nepalesin das mit Augenmaß einfach so schafft und ich seit Monaten verzweifele haaha.
Naja – so habe ich jetzt wohl eine Vorlage für die Größe 😉
Bald mache ich mich auf den Rückweg; ich muss noch Snacks&Tampons kaufen und meine SIM-Karte verlängern.
Auf dem Heimweg ist keins davon erfolgreich. IM ERNST JETZT?!
Die Tamonjagd ist eine ganz andere Nummer, überall gibt es nur Binden. Aber ich bin total positiv überrascht, wie offen und selbstverständlich alle nepalesischen Ü40 Männer in den Läden mit meiner Tamponfrage umgehen. Freu ich mich drüber!
Ich gebe erstmal auf und gehe zum Hostel zurück – ich brauche eine kurze Pause. Die Geschäfte haben hier auch alle immer bis 10 auf, also mega entspannt.
Nachdem ich wieder etwas Power gesammelt habe, klappt als erstes das mit der SIM-Karte. Tiptop. Auch die Riegel finde ich. Fehlen nur noch die Tampons.
Vorher gehe ich bei Nysas Hostel vorbei, um mich zu verabschieden. Außerdem habe ich vorher ein Mädel getroffen, was meinte, dass es dort ihre Handschuhe für mich lässt, weil sie die nicht mehr braucht. Megaaa lieb – das war nämlich echt kalt letztes Mal, aber ich wollte keine kaufen.
Nysa überredet mich trotz meiner Müdigkeit doch noch zum Abendessen.
Sie empfiehlt mir vorher eine Apotheke für die Tampons. Die hole ich erst noch und dann geht’s auf zum Abendessen. Zwei andere, die ich auch sehr gern mag, kommen auch noch mit und es geht zum Japaner.
Ich bin sehr versucht, nen Veggie Cheat day einzulegen haha, bleibe aber stark.
Ich bestelle vegetarisches Tempura mit Reis und es schmeckt so so geil.
Zwischendurch denke ich, die haben was verwechselt, weil das eine Gemüse so nach Hühnchen schmeckt.
Liebe Unterhaltungen, gutes Essen und eine tolle Atmosphäre. Nysa schenkt mir noch eine Postkarte, die ich später lesen soll :'( wie goldig.
Dann ist auch schon der Moment der Verabschiedung gekommen und auch das ist wieder so unglaublich verrückt. Menschen, die kurz in dein Leben treten und dann für so lange – vielleicht für immer – wieder verschwinden. Naja ich hab’s geliebt. 3 tolle Menschen, 3 dicke Drücker, die ich unglaublich gut gebrauchen kann, und dann geht’s auf ins Hostel.
Rucksack nochmal neu packen, um zu schauen, ob alles da ist. Duschen. Noch ein neues Buch raussuchen für die Reise. Mein Jetziges gefällt mir echt nicht gut und ich möchte lieber ein dünneres mittragen.
Ich habe in meinem Zimmer nur noch einen Mitbewohner und fühle mich zum ersten Mal etwas komisch in einem Hostel. Dadurch, dass man nur zu zweit ist, ist es irgendwie seltsam.
Er liegt über mir und ist mir etwas suspekt. Er hat auch am Anfang nicht auf meine Begrüßung reagiert.
Naja irgendwann frage ich, ob ich das Licht ausmachen darf, und das ist dann auch die gesamte Zusammenfassung unsere Konversation. Najaaa so ist halt das Hostelleben, manchmal hat man Glück, manchmal auch ‘Pech’ (schlimm ist es ja nicht)
Und dann ab in die Heia, um 5:15 Uhr muss ich aufstehen. Verdammt…. aber ich bin so so aufgeregt.
Bussi Bussis,
~Maite

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