Montag.
Porridge auf der Terrasse, Zähne geputzt, Sachen gepackt und los geht’s.
Die tolle Überraschung des Tages: Der Roller ist reparieeeert und man kann ihn jetzt mit einem kleinen Knöpfchen anschalten hehe.
Also gestaltet sich der Arbeitsweg mal etwas leichter.
Als ich ankomme, werde ich direkt gebraucht. Ich ziehe ein Medikament auf und schreibe anschließend zwei EKGs.
Als nächstes kommt eine Patientin, die es mir ziemlich ziemlich schwer macht.
Sie kommt mit zahlreichen Narben am Unterarm und einem großen Schnitt, der genäht werden muss. Das fällt mir echt schwer und ich brauche den Tag über noch etwas länger, bis ich das verarbeitet habe.
Diese Fälle fallen mir einfach viel viel schwerer als Verletzungen, die durch Zufall oder Unfälle entstanden sind… Es ist einfach nicht leicht, das zu sehen. Ist ja irgendwie klar, aber ja… trotzdem nicht leicht.
Ich darf aber assistieren und das ist ziemlich cool! Der Arzt fragt mich plötzlich, ob ich einen Stich der Naht machen möchte und ich raste innerlich aus. JA!!!
Ich bekomme das Nähzeug in die Hand und setze meine allererste Naht. Krass die Haut ist viel viel dicker, als man denkt und man muss ganz schön Kraft aufwenden, um dort durchzustechen. Dann nochmal auf der anderen Seite der Wunde und auf geht’s ans Knoten. Zweimal mit dem Instrument um den Faden, dann den Faden durchziehen und festzurren. Fertig. Dann nochmal. Anschließend nur noch einmal mit dem Instrument herum, Faden durchziehen und festzurren. Geschafft.
Pooaaah wie cool – meine erste Naht hihi.
Ich freue mich erst total, fühle mich danach aber erstmal ziemlich schlecht, weil die Narbe sicher nicht so schön aussehen wird wie, wenn der Arzt die gesamte Naht gemacht hätte….. Andererseits wird es sowieso eine Narbe – also ist das hoffentlich in Ordnung…
Freuen tue ich mich trotzdem wie ein Schnitzel – So So cooool. Der andere Arzt hat mich nicht mal Nähte entfernen lassen.
Ich ziehe noch die Tetanus Impfung auf und gebe sie ihr, dann ist alles erledigt.
Danach, nachdem die Freude über die Naht wieder verflogen ist, hängt mir immer noch die Patientin hinterher.
Ich hoffe, dass sie sich Hilfe holen kann. Es ist einfach so ein sensibles Thema und ich weiß leider nicht, wie weit man hier in Nepal ist, Depressionen oder andere psychische Probleme als Krankheit anzuerkennen.
Ich versuche, mich auf meinen Job zu konzentrieren, und es geht weiter.
Vernebler bereitmachen, Medikamente aufziehen, Infusionen anschließen und so weiter und so fort.
Der eine Arzt meint zu mir, dass ich heute so traurig aussehe und ich antworte, dass ich versuche, die Patientin zu verarbeiten.
Da sagt er Dinge wie, dass das unser Job ist und wir das nicht an uns ranlassen dürfen und dass das hier in Nepal halt einfach eben so ist.
Aber nicht auf eine bestärkende, empathische Art, sondern sehr kalt und gleichgültig und mich macht’s ziemlich sauer. Das ist so ein Quatsch.
Ich sag ihm, dass ich das ganz anders sehe und ich jetzt gerne für nen Augenblick traurig sein werde, darüber nachdenken werde, das verarbeite und es dafür dann nicht mit nach Hause nehmen werde.
Dazu sagt er nicht wirklich etwas und das Gespräch ist vorbei.
Pff haha.
N toller Arbeitskollege. Naja.
Ich find’s aber schon wieder toll, meinen Weg hier zu beobachten. Dass ich einfach immer selbstbewusster werde und immer mehr ich selbst bin. Vor dieser Reise und dem langen Praktikum in Südafrika hätte ich ihm niemals widersprochen. Mich hätte es einfach genervt, dann hätte ich es für mich behalten und damit hätte sichs gehabt.
Mittlerweile ist es mir egal, dass die meine “Chefs” sind – wenn ich anderer Meinung bin, sag ich’s halt. Auf ne respektvolle, aber, wenn ich’s für richtig halte, auch direkte Art – und wenn’s ihnen nicht passt und sie mich deswegen anders behandeln, dann sollen sie das ruhig machen. Aber ich bin wenigstens mit mir im Reinen.
Später stehe ich mit ihm und einem anderen Arzt zusammen und sie meinen, dass ich so ehrlich, nett, hübsch und was auch immer bin. (Dass das hier wie immer ziemlich nett gemeint, aber aufdringlich ist, darüber rede ich mal ein anderes mal.)
Naja dann meint der Arzt von vorher jedenfalls, dass ich auch noch sooo unschuldig bin. Weil ich traurig bin wegen der ganzen armen Menschen hier (arm im Geld-Sinne).
Da geht mir ein Licht auf und ich sage ihm, dass er mich falsch verstanden hat, und dass es mir um die spezielle Patientin ging. Da zeigt er immerhin etwas mehr Verständnis, aber es wird auch recht schnell das Thema gewechselt. Naja, passt alles.
So geht dann der Klinikalltag weiter.
Eine Schwester bietet mir etwas zum Probieren an.
Sie gibt mir einen harten Klotz, den man angeblich essen kann. Sie meint, das ist Yak-Käse.
Er ist wirklich SEEEHR SEHR hart, aber ich nehme ihn in den Mund.
Man soll den angeblich lutschen.
Rein damit.
Und plötzlich.
Befinde ich mich nicht mehr in einem nepalesischen Krankenhaus, sondern im Allgäu bei unserer Stamm-Käserei ein Glas Milch trinken oder auf der Bauernhofterrasse ein Stückchen Käse essen.
Verrückt haha, er schmeckt wirklich sehr intensiv tierisch – ist aber wie ein Stück Holz und es fühlt sich komisch an, das zu lutschen.
Irgendwann spucke ich ihn heimlich aus, ich will den nicht den ganzen Tag im Mund behalten. Was aber noch etwas länger bleibt ist der Heißhunger auf ein Stück Allgäuer Berg-Käse haha.
Meinen ersten Zugang, verhaue ich heute, danach kommen aber direkt zwei erfolgreiche hinterher 🙂
Dann kommt noch eine Frau mit einem gebrochenen Arm, der wirklich an einer Stelle hängt, wo er absolut nicht sein sollte – HALLELUJA – die Arme. Hatte einen Verkehrsunfall…
Ich bin leider mit was anderem beschäftigt und sehe dann nur noch, wie eine provisorische Schiene zum Röntgen schon angelegt worden ist. Sieht ziemlich schmerzhaft aus…
Dann gebe ich zum ersten Mal noch eine Zäpfchen-Paste. Nichts Spektakuläres, aber auch nicht schlecht, das mal gemacht zu haben.
Allgemein ist es heute super voll und ich freue mich, dass ich helfen kann. Ich laufe viel hin und her, aber so vergeht die Zeit superschnell.
Zwischendurch trinke ich mal einen Kaffee, den ich echt brauchen kann. Glaub nicht, dass der Koffein enthalten hat – der hat wirklich nur nach Milch geschmeckt haha.
Aber ich trinke hier eigentlich sowieso keinen Kaffee, was leckeres zum Trinken war hier das wichtige daran 🙂
Allgemein habe ich heute so viel gelernt, wie bisher hier noch nie, das ist echt cool! Hat Spaß gemacht.
Mega süße Zusatzinfo: Ein Pfleger hat mich von Anfang an Maity genannt, weil er dachte, man spricht das so aus. Ich meinte zu ihm, dass das mein Spitzname sei und mich so vor allem mein Papa und ein paar Freunde nennen. Er hat das so beibehalten und mittlerweile nennt mich fast jeder hier auf der Station nur noch Maity. Irgendwie gefällt mir das echt gut. Fühlt sich einfach vertraut an.
Jetzt verhungere ich, verabschiede mich und auf geht’s zum Mittagessen.
Shitttt ich hab nicht mehr genug Bargeld, nachdem mich gestern schon ein Automat abgelehnt hat. Ich probiere es nochmal – hier ist direkt einer neben dem Krankenhaus. Geht wieder nicht… hmmm ist aber die gleiche Bank, vielleicht gibt es hier noch eine andere Bank.
JA – es klappt.
Mittagessen und auf nach Hause.
Das Tagesziel: Ein Fahrrad kaufen. Jaja klingt verrückt, aber die gibt es hier wohl für recht günstig und der Plan ist, es danach wieder zu verkaufen. Leihen ist nämlich verhältnismäßig ziemlich teuer. Sowas ist halt einfach mega cool an einer Gastfamilie, Bhagwan kann mir all diese Infos geben. Er hat mir auch einen Bikeshop empfohlen.
Also geht’s los; ich spaziere nach Parsa – der Shop ist wohl gegenüber von der Busstation. Tiptop, das sind nur 20 Minuten.
Auf dem Weg probiere ich mich mal wieder am Shoppen – ich suche immer noch nach einem nepali-approved Kleid, bin aber mal wieder nicht erfolgreich. Jetzt ist die Zeit gefühlt auch schon rum, bald brauch ichs auch nichtmehr ahha.
Ich will eigentlich das eine weiße Kleid kaufen, was ich mal anprobiert hatte, kann aber um Himmels Willen diesen Laden nicht wiederfinden und denke, ich verliere den Verstand.
Naja – jetzt erstmal Projekt Fahrrad.
Ich komme an der Busstation an, laufe ein Stückchen nach links, ein Stückchen nach rechts – sehe aber weit und breit keinen Fahrradstore. Hmmm.
Ein Nepalese fragt mich mit einem Lächeln, wo ich herkomme und das übliche Bliblablub. Auf seine Frage, ob ich Hilfe brauche, meine ich, dass ich einen Bike Store suche. Er sagt, er weiß, wo der ist und dass er mich mit seinem Motorrad mitnehmen kann.
Hmmm ich frage, wie weit, das denn weg ist und ob ich das dann wieder zurücklaufen kann, woraufhin er meint, dass er einfach beim Shop wartet und mich dann wieder zurückbringt. Neee – das möchte ich nicht, das ist echt zu viel Nettigkeit.
Es ist aber wohl nur 5-10 Minuten zu Fuß weg, also steige ich auf sein Motorrad und düse mit. Die Menschen hier sind so unglaublich freundlich und hilfsbereit.. Und ich denke mir schon wieder – KRASS, ich sitze grad bei nem wildfremden Nepalesen hinten aufm Motorrad und brause über die Straße haha.
Der Bikeshop ist wirkich fast direkt nebenan, ich bedanke mich und verabschiede mich. Der Nepalese kommt aber mit rein. Na gut..
Ist tatsächlich ganz praktisch, weil im Laden eine starke Sprachbarriere herrscht und er mir helfen kann. Außerdem sagt er auch, dass die mich sonst abziehen wollen.
Allgemein gefallen mir auch die Angebote nicht so gut. Es gibt ein Fahrrad, das ziemlich dreckig ist und auch nur 50€ kostet, aber ziemlich klein aussieht. Dann gibt es zwei neuere für 115€ und 140€.
Puiii schon ziemlich teuer, weil ja immernoch das Risiko da ist, dass es am Ende keiner mehr kauft. Das eine ist sogar gebraucht, aber sie meinen, dass sie es für maximal 50€ wieder kaufen würden am Ende.
Die wirken auf mich aber absolut gar nicht vertrauenswürdig, weil sie den Preis schon einmal zu meinen Gunsten verändert haben, als der Nepalese was gesagt hat, also bin ich mir ziemlich sicher, dass ich am Ende nicht mit 50€ den Laden verlassen würde.
Ich hab total schlechte Laune, ich find die irgendwie unfreundlich, ich hasse shoppen und ich hab keine Ahnung, welche Größe ich brauch haha.
Und ich weiß auch nicht, welcher Preis fair ist – MANNN normalerweise macht das doch einfach Papa alles mit den Fahrrädern.
Und zuhause habe ich eh mein tolles Rennradbaby, was ich so sehr liebe und vermisse.
Naja – eine Nacht drüber schlafen will ich sowieso, also mache ich von allem noch Bilder, um Mama und Papa nach einem Rat zu fragen und dann verlasse ich den Laden.
Der Nepalese will mich nochmal mitnehmen und ich sage ok, aber wirklich nur zu dem Punkt, wo er woanders hin muss.
Gesagt, getan und ich steige ab.
Natürlich bleibt’s nicht nur bei einer freundlichen Begegnung, sondern er will meine Nummer haben. Na gut, er holt sich schnell einen Zettel aus nem Laden, weil sein Handy nicht funktioniert.
Zuhause spiele und kuschele ich erstmal mit Chori – so so süß. Sunita ist auch zu Besuch und wir sitzen draußen und schauen dem atemberaubenden Sonnenuntergang zu. Es klart hier jeden Tag momentan mehr und mehr auf und die Bergkette wird immer schöner und besonderer.


Ich fange an, zu häkeln. Und zwar mit dem Versuch und Ziel, Bobbel für meinen Kopfhörer zu häkeln. Ihr kennt Maite. Maite kann nicht auf ihre Sachen aufpassen. Maite hat keine Ersatzteile für ihre Kopfhörer dabei. FEHLER! Den ersten Bobbel hat sie schon nach 4 Wochen verloren. Den durch die Bobbel der Touribus- und Fliegerkopfhörer ersetzt. Die alle auch verloren, weil die nicht richtig gepasst haben.
Nach 4 Monaten hat sich dann auch der letzte passende Bobbel verabschiedet und Maite steht seit 3 Tagen mit nackten Kopfhörern da und ihre Öhrchen tun weh.
Da kommt die zündende Idee, dass mein Häkelzeug hier ja noch irgendwo schlummert.
Ich bin sehr zuversichtlich, weiß aber nicht so richtig, ob das Ergebnis jetzt besser oder schlechter ist…

Naja, das wird die nächsten Tage mal getestet.
Dann bekomme ich natürlich noch 5 Nachrichten hintereinander mit “Hey beauty, you’re so gorgeous, hey beauty, remember you always have a friend in Nepal, talk to you later beauty und so weiter und so fort.”
MAAAAN, kann man hier nicht einmal normale Begegnung haben.
Es gibt noch Abendessen und Bhagawan meint, dass der Bikestore montags geschlossen hat. Oh – dann war ich wohl beim Falschen haha. Er will auch ein Fahrrad für seine Tochter kaufen, also beschließen wir, morgen gemeinsam nochmal zu gehen. SUPER! :-))
Danach telefoniere ich noch mit Mama und Papa, was wirklich so so toll ist. Das genieße ich total und freue mich schon wieder so auf Zuhause. Kein negatives Heimweh, dass ich hier wegwill, aber einfach auch die Freude, irgendwann bald zurückzukehren hihi :-))
Mama und Papa müssen Spargel essen und bei mir ist es jetzt schon halb zwölf.
Gute Nacht!
Bussi Bussis,
~Maite

Fahren in 4 Wochen ins Allgäu und trinken dort Milch für dich mit…. Käse kaufen wir natürlich auch der hält bis Juli
Bussis von Mama auch an Chori und die ganze Familie ❤️
Eyyyyy wie gemeine.
Ohhhh JAAAAA bringt mir Käse mit hihihiiii☀️
Yipiieuuuuu.
Bussis Bussis<3333